Alicja Kwade & Jorinde Voigt - Shift Matters

27. April 2018 - 22. Juli 2018

©Luise Müller-Hofstede / fbt-creative
©Luise Müller-Hofstede / fbt-creative

Ab dem 27. April 2018 zeigt die Villa Schöningen ihre neue Ausstellung Shift Matters der beiden Künstlerinnen Alicja Kwade und Jorinde Voigt, die erstmalig in einer gemeinsamen Ausstellung gezeigt werden. Über 19 Arbeiten werden bis zum 22. Juli 2018 zu sehen sein, darunter zahlreiche neue Arbeiten der Künstlerinnen.

 

Nicht selten bedarf es nur einer kleinen Verschiebung innerhalb der Zustände, man könnte auch sagen einer Verlagerung der Perspektive, und mit einem Male scheinen die bis dato unsichtbaren Fäden wieder auf, an denen unser Weltbild und unsere Wahrnehmung von Realität befestigt sind. Wie willkürlich und zufällig die Beschaffenheit von Wirklichkeit ist, die wir im Alltag als gegeben und selbstverständlich erleben, offenbart sich in einem solchen Moment dem Betrachter – für einen Augenblick hält er inne und staunt über die Kontingenz der Welt. Und vielleicht entsteht dabei ein neuer Gedanke.

 

Eine solche Verschiebung gelingt den Künstlerinnen Alicja Kwade und Jorinde Voigt in ihrer Ausstellung Shift Matters in der Villa Schöningen. Schon der Titel macht deutlich, dass wir es dabei mindestens mit einer gleich zweifachen Form der Verschiebung zu tun haben, verweist er mit seiner doppelten Bedeutung doch direkt auf die zentrale Schwierigkeit, Sinn und Sinnerzeugung überhaupt dingfest machen zu können.

 

So ließe sich die Formel „Shift Matters“ einerseits als Aufforderung an den Betrachter lesen, sein Augenmerk auf die Wichtigkeit solcher „Shifts“ zu richten, andererseits könnte der Titel (dem Sinn nach) mit „Materialien verschieben“ auch sehr viel konkreter verstanden und übersetzt werden – je nach Lesart wechseln die beiden Worte dabei ihre Funktion, sind mal Verb, mal Substantiv. Shift Matters, die Entscheidung liegt beim Betrachter.

 

Die Arbeiten der in Berlin lebenden und arbeitenden Alicja Kwade verweisen schon immer auf eine Realität hinter der offensichtlichen. In ihrer Konzeptkunst bricht sie physikalische Gesetze und unterläuft damit verlässlich die antrainierten Sehgewohnheiten; sie verdoppelt Objekte, die sich ansonsten nur singulär vorstellen lassen, sie trennt und vereint Dinge, die nicht zu trennen und nicht zu vereinen sind oder überführt Materialien aus ihrem eigentlichen Zustand in einen unerwartbaren neuen.

In ihrer raumgreifenden Präsenz und Dinglichkeit vermitteln sich die in der Ausstellung versammelten Arbeiten Kwades dem Betrachter meist auf direktem Wege: Ein von einer Glasscheibe in der Mitte durchschnittener Felsbrocken, ein Rechenschieber, dessen Kugeln – ihrer Funktion enthoben – sich nicht mehr aufgereiht auf der Stange, sondern auf dem Fußboden davor befinden, ein vierfach gespiegelter Tisch, geteilt und doch immer ganz, der erst durch diese Spiegelung zu seiner eigentlichen Form findet; es braucht kein ausgewiesenes analytisches Geschick für diese fulminante ästhetische Erfahrung. Was wäre, wenn die Welt so aussehe, wie Alicja Kwade sie zeigt?

 

Neben dieser direkten Form der Verschiebung im Wahrnehmen, erfahren wir auch in der Ausstellung selbst eine Art der Verschiebung – sie entsteht gerade durch die

 

Gegenüberstellung der Arbeiten von Alicja Kwade und Jorinde Voigt. Während die Skulpturen und Installationen Kwades unvermittelt und instinktiv in unsere Wahrnehmung dringen und dort Unruhe stiften, zielen die Papierarbeiten Voigts auf das Unterbewusstsein des Betrachters.

 

Die Arbeiten der klassisch ausgebildeten Musikerin lassen sich als visuelle Kompositionen lesen. Immer wieder scheinen Formen und Gebilde hindurch, die der Betrachter zu kennen glaubt, doch schon im nächsten Moment hat sich das Ensemble der Farben und Formen dem gängigen Verstehen entzogen. Wir sehen mit feinem Strich gezogene Linien, sich wiederholende Strukturen und Muster, Partituren und Notationen gleich, die sich als Subtext der Arbeiten lesen lassen – doch eine letztgültige Dechiffrierung muss ausbleiben, kann und darf nicht gelingen.

 

Es sind Arbeiten, die der Kritiker Niklas Maak einmal als „graphische Welterfassungsmaschinen“ zu beschreiben suchte. Wahrscheinlich zielen die komplexen Bild-Text-Assoziationen Voigts gerade deshalb auf unser Unterbewusstsein, weil sie dem ihren entspringen.

 

So bezieht die Ausstellung Shift Matters ihre dialektische Kraft aus dem visuellen und konzeptuellen Gegensatz, der zwischen den beiden Künstlerinnen evident wird. Dort, wo sie aufeinander treffen, ist noch etwas Unerschlossenes zu entdecken, ein offener Raum der Möglichkeiten, in dem wir durch das Spiel mit der eigenen Wahrnehmung vielleicht sogar in die Lage versetzt werden, einen inneren Schalter umzulegen.

 

Denn das bedeutet „to shift“ ebenfalls: Umschalten.

 

Dass Kwade und Voigt hier in einer gemeinsamen Ausstellung aufeinander treffen, ist dabei nicht ausschließlich der Konzeption geschuldet: die beiden Künstlerinnen studierten eine Zeit lang gemeinsam bei Christiane Möbus an der Universität der Künste, sie verbindet eine besondere Freundschaft, ein gegenseitiges Begleiten sowie ein große Faszination an der Arbeit des jeweils anderen. 

 

 

Timon Karl Kaleyta